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Welches Prädikat darf es sein?
In der Primarschule hiessen die Verben noch Tun-Wörter. Das leuchtete vollkommen ein. Später waren es Verben, die zur Werbung in keiner Verwandtschaft standen. Diese abstrakte grammatikalische Hürde nahm ich locker und zeigte bereits einen gewissen Sinn für Sprachspiele. Später in der Schule sprach man von Prädikat, das sich zum Subjekt gesellt – traute Zweisamkeit, schön. Inzwischen war mein sprachliches Abstraktionsvermögen soweit gereift, dass mich dieses Fremdwort Prädikat nicht aus dem Konzept brachte. Verben waren für mich nach wie vor Tun-Wörter. Es ging noch ums gleiche.
Die feinen Unterschiede lernte ich Jahre später kennen; bei der Definition von Lebensentwürfen. Während die einen alleinstehend oder moderner ausgedrückt als Single durchs Leben gingen, waren die anderen liiert, im Konkubinat oder in wilder Ehe lebend, verheiratet. Den Zivilstand kann man regeln, offizialisieren, ja, auch legitimieren, wie sich dies ganz unromantisch ausdrücken lässt.
Seit 2007 ist es in der Schweiz möglich, die Partnerschaft eintragen zu lassen. Das können allerdings nur Frauen, die mit einer Frau und Männer, die mit einem Mann zusammenleben; für Hetero-Paare ist dies nicht möglich. Demzufolge gibt es für Mann und Frau kein staatlich geregeltes Konkubinat, sondern Frauen und Männer schliessen einen Ehebund. Das gehört sich so, das wird auch so genannt: ehelichen, vermählen respektive heiraten.
Nun kommen wir wieder zu den Verben, den Tun-Wörtern, den Prädikaten. Wie, bitte schön, drückt man aus, wenn eine Frau ihre Frau oder ein Mann seinen Mann …
Heiraten? Das geht auf keinen Fall, denn der Status «in eingetragener Partnerschaft», für den es auf sämtlichen Formularen kein passendes Kürzel gibt, ist keine Institution wie die Ehe, sondern ein Vertrag. Darum ist das Verb «heiraten» allein den Eheleuten vorbehalten, folglich Mann und Frau.
Eintragen. Bei diesem Tun-Verb wird nicht klar worum es geht. Wer oder was soll denn da eingetragen werden?
Da bleibt noch: verpartnern. Dieses Prädikat klingt etwas quer und man müsste es auch erst erfinden; jedenfalls im Duden existiert es nicht. Unschön wird es, braucht man dieses neu geschaffene Tun-Verb im Perfekt. Ich habe meine Frau, meinen Mann verpartnert. Das ist nicht nur fürs Ohr holprig, sondern es streikt auch das automatische Rechtschreibeprogramm und unterstreicht was Wort konsequent rot. Und irgendwie, ich weiss nicht recht, tönt das beinahe wie: Ich habe mein Haustier gechipt – womöglich eine Anakonda. Aber vielleicht ist ja genau das die Absicht, den Status nicht nur staatlich zu regeln, sondern im selben Akt auch diskriminierend zu verbalisieren. Warum braucht es diesen feinen Unterschied? Müsste es nicht Wurst sein, welches Geschlecht mit welchem einen Vertrag abschliesst, eine Ehe eingeht?
Und wenn, ich denke mal einen Schritt weiter, ein zur Frau gewordener Mann oder eine zum Mann gewordene Frau oder einfach eine Transperson mit einer anderen Transperson die Beziehung staatlich regeln möchte, welches Tun-Wort gäbe es dafür? Transpartnern. Naja, warum nicht? Das klingt fast wie Tanzpartner und weckt frohe Assoziationen. Da fegen zwei Menschen fröhlich übers Parkett. Das Verb «transverpartnern» hingegen ist vielleicht originell, klingt eher seltsam, aber bei Sprache geht es nicht nur um Klang, sondern auch um Präzision. Dem Staat geht es offenbar um diese. Und sie findet sich im Detail, beim Prädikat. So wird die Bezeichnung «in eingetragener Partnerschaft» vorläufig belassen im Gegenüber von verheiratet, geschieden, verwitwet. Übrigens eine Herausforderung für jeden Grafiker, der ein Formular gestalten soll. Bleibt zu hoffen, dass was sich sprachlich langfädig äussert, mindestens lange währt.
Was sich eintragen lässt, kann man auch austragen, die Partnerschaft zum Beispiel. Oder der Streit um die passende Bezeichnung des Beziehungsstatus’. So widrig wie die sprachliche Bezeichnung von offensichtlich «un»passenden Lebensentwürfen ist, so zäh ist der politische Diskurs. Wann, liebe Helvetia, kommt der Befreiungsstoss?
3. Juli 2018

Die Kurzgeschichten fliessen meistens in einem Guss aus der Feder. Motiviert, vielmehr inspiriert dazu wurde die Logonautin durch Ereignisse, Zeitungsartikel oder Worte, die ihr zugefallen sind.

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