: Doppelpunkt

Herr Dwukropek hatte ausgedient; er war ein alter Mann geworden. Selten und immer seltener stellte er sich vor Aussagen, dort störte er zusehends. Und wenn es sich um Ausrufe handelte, da ignorierte man ihn ganz und gar. Er durfte nicht mehr ankündigen, was da an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Die direkte Rede verbat es ihm, sich voranzustellen. Dabei war er einst jener, den man vielerorts einsetzen konnte. Auch vor Aus-sagen, die das Vorangegangene zusammenfassten, wollte man ihn nicht mehr sehen. Er war das Textimplantat schlechthin, er gehörte dazu, war mit von der Partie und zeichengebend. Ohne ihn konnte weder Frau Sprache noch Herr Text leben, sie verwahrlosten, das Geschriebene wurde ungeniessbar, zuweilen fast unleserlich.
Jetzt schien sich Vieles geändert zu haben. Seit die Damen und Herren Rechtschreibereform sich auch bei der Interpunktion einmischten und darüber verfügt hatten, geriet er mehr und mehr ins Abseits. Nicht wegen dieser Damen- und Herrschaften allein, nein, vielmehr wegen der Launen der Moderne. Sie erschienen einst als virtuelles Gespinst am Horizont. Nun stehen sie mitten unter uns und treiben ihr Unwesen, so eben auch mit allerlei Geschriebenem.

Herr Dwukropek spürte seine Kräfte schwinden. So ging das eben: manchmal von heute auf morgen: alles war vorbei. Doch ein geeignetes Äquivalent dieser Interpunktion, eine wahre Alternative mit derselben Ausdruckskraft, wie er sie gehabt hatte, gab es nach wie vor nicht. Die Versuche, ihn zu klonen, waren ebenso gescheitert. Womöglich musste er sich einfach damit abfinden, dass es nun um seinen Abschied von der Textwelt ging.

Das Semikolon, man möchte es nicht meinen, zeigte sich von der gefühlvollen Seite und drückte ihm sein Mitgefühl aus. Der Punkt gab sich kurz angebunden und setzte sich schweigend ans Ende seiner Aussage. Laut und aufbrausend kam das Ausrufezeichen daher geschwirrt und rief etwas von Ungerechtigkeit. Das skeptische Fragezeichen hinterfragte die Rechtschreibereform vollkommen. Und so gesellten sie sich alle zu Herrn Dwukropek und nahmen an seinem Sterben teil.

Nach und nach fand er sich mit seinem Schwinden ab und fühlte sich, umgeben von so vielen Satzzeichen, gut aufgehoben. Der Abschied fiel ihm in netter Gesellschaft deutlich leichter. Und so starb er, seines Zeichens Doppelpunkt: eines rationalistischen Todes.

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