dudenkekse

man nehme einen an den buchdeckeln vom vielgebrauch speckig gewordenen und an den gebundenen rändern ausgefransten in aschgrauer farbe gehaltenen duden der deutschen rechtschreibung schüttle diesen vor gebrauch kräftig zupfe dann jede seite sorgfältig einzeln heraus so dass sich die vergilbten rechtschreibe-trennungs-etc.-hinweise gut von der buchbinderschnur abnabeln lassen gebe diese gesamte wissensbörse der deutschen sprache in eine grosse handgetöpferte schüssel fülle sie bis zum rand durchmische die bedruckte pergamentmasse mit einem holzlöffel greife so dann zum stabmixer der marke „ich-zerzaus-dich“ zerhacke die sprachverbesserungsangaben zur ausmerzung von orthograviefehlern unter zugabe von wenig wasser und püriere die vollständige rechtschreibung – auch die revidierte. zur entstandenen celulose gebe man dreihundert gramm mehl hunderfünfzig gramm zucker und als treibmittel hirschhornsalz hinzu – je nach angestrebter geschmacksrichtung auch noch mandelsplitter pinienkerne und rosinen – knete diese masse eintausendundeinmal forme rockyIV-faustgrosse klösschen von hand lege sie auf das zuvor eingefettete backblech (schmalz ist der backfolie vorzuziehen) in reih’ und glied im diskreten abstand – einem radius von zweikommafünf zentimetern – zum nächsten rechtschreibeklösschen und schiebe das gedeckte blech in den vorgeheizten ofen und backe bei zweihundertfünfzig grad celsius die dudenhäufchen circa dreissig minuten nehme sie so dann aus dem backofen und lasse sie vor dem servieren auskühlen

zur diskussionsrunde betreffs des schwer greifbaren themas: „was um himmels willen ist ein schlechter text?“ lade man germanisten – selbstberufene und berufene – sowie journalistinnen und journalisten und auch vertreterinnen beiderlei geschlechts aus der literaturkritik setze sie an einen runden tisch lasse sie aufeinanderlos und serviere dazu die mittlerweile fertig gestellte backware: „die dudenkekse“ und iniziere den austausch mit der provokativen frage: „was um gottes willen ist ein schlechter text?“ mit grösster wahrscheinlichkeit entsteht in der folge ein emotional aufgeladenes gespräch das man als geübte gastgeberin und geschulte moderatorin im zaum zu halten versucht denn heftig ereifern sich die gemüter der diskutierenden über die qualität eines textes dass ein auf-den-punkt-bringen-oder-kommen eine sentenz formulieren nicht 1x im ansatz angedacht werden kann geschweige denn geäussert wird der grabenkampf ist somit eröffnet die diskussionsrunde verkommt zusehends zu einem streitgespräch das an sachlichkeit verliert und dessen gegenstandsthema nämlich: „was um gottes willen ist ein schlechter text?“ völlig aus dem fokus gerät der neue brennpunkt lautet nun: „wie überzeuge ich mein gegenüber von meinem schlagenden
argument? welche wortaxt schlägt am schärfsten zu und häxelt mein gesprächs-vis-à-vis still und stumm?“

die wortklaubereien unter den referierenden die längst nicht mehr gefragt sondern einfach wild drauflos redend die gesprächsdompteuse ins abseits gestellt haben sind masslos man spottet ungehalten über mangelnde fachkenntnis haltet das textskalpell in händen das wortgefecht im grossgeschriebenen grabenkampf wird so heftig dass die geübte gastgeberin und geschulte moderatorin klein beigeben muss die weisse flagge hisst und zur vernunft aufruft aber gänzlich ungehört bleibt auch nachschub aus der backstube – die zweite ration dudenkekse wird aufgetischt – können die erhitzten gemüter weder besänftigen noch das scharfe wortgefecht befrieden

indessen wird umso heftigeres geschütz aufgefahren: die textkanonen! wobei jede und jeder sein pulver verschiesst so dass es laut zu krachen beginnt während der eine mit einer fülle von prädikaten um sich wirft donnert die andere mit metaphern zurück die geübte gastgeberin und geschulte moderatorin versucht erneut zu schlichten – den einen gegen den anderen einwurf auszuspielen sie hat kein brot denn schon wird sie angegriffen mit stiletti in die grammtikecke gedrängt aus diesem studierten und sauber angewandten elitewinkel wagt sie sich kaum mehr vor setzt dann aber mutig an ergreift die parole um erneut in der hitze des gefechts zu stehen sie plädiert nun lautstark für ausgewogenheit in der ästhetik und macht sich stark für interpunktion

dies ist es was die keifende fachpersonenrunde zum schweigen und nachdenken bringt die geübte gastgeberin und geschulte moderatorin hat den nothahn erfolgreich gezogen denn vor das urteil kommt immer die reflexion zu stehen und so sitzt nun ein dutzend deutschkundiger sinnt hirnt über textvalenz und urteilsinstrumente betreffs deutschtextqualität knabbert ab und zu an einem dudenkeks und ist beinahe schon himmlisch befriedet während der einen die trennungsregeln schmerzen bereiten hält der anderen die prädikathäufung nach wie vor für unabdingbar und zeigt sich dadurch unbeirrt da und dort sind seufzer zu vernehmen die fachschaft gibt sich reflektierend und ist vor die herausfordernde frage gestellt: „was um himmels willen ist ein schlechter text?“ sprachlosigkeit kein wort aber auch kein griffiges rinnt aus der um ein konsensfähiges urteil bemühten kennerrunde niemand kann mit eindeutigkeit aufwarten und über alle zweifel erhaben sagen: das ist er!

die geübte gastgeberin und moderatorin schliesst den schweigenden gesprächszirkel mit dem fazit: auch einem schlechten fachvotum ist etwas positives abzuringen und einem miserablen text kann man im kern etwas erbauendes abgewinnen und sei es nur der reiz im bauchfell das lachen über missglückte formulierungen bei dieser gelegenheit greift die geübte gastgeberin und geschulte moderatorin selber in die schüssel schnappt sich einen dudenkeks und verschluckt sich beinahe an den ingredienzen aus der in leder gebundenen mutter duden so zäh und staubtrocken wie das leben kann einen die eigene sprache zwischendurch vorkommen haltlos textverirrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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